Promotionscoach Dr. Marlies Klamt: “Die Universität ist immer noch ein sehr patriarchalisches System”

(Copyright: Lisa Wolff)

Katharina: Liebe Marlies, erzähle uns deine Geschichte. Wer bist du und was hast du bisher gemacht?

Marlies Klamt: Ich bin Promotionscoach für Frauen und unterstütze sie dabei, mit Freude und Leichtigkeit zu promovieren. Dazu habe ich unter anderem den Podcast „Glücklich promovieren“ und biete Einzelcoachings an.

Ich habe Filmwissenschaften und Publizistik studiert – in Deutschland und Australien. Nach meinem Studium habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni gearbeitet und hatte die tolle Gelegenheit, ein Bachelor-Beifach mitaufzubauen – Audiovisuelles Publizieren. In der Zeit habe ich auch meine Doktorarbeit begonnen. Direkt im Anschluss an die Promotion habe ich ein Semester lang eine Professur vertreten.

Weil ich leidenschaftlich gerne reise, habe ich mir danach erst mal eine Auszeit genommen und in knapp eineinhalb Jahren 15 Länder auf vier Kontinenten bereist. Ich bin in Taiwan im Krankenhaus gelegen, in Chile auf einer Fischfarm gestrandet und habe auf einer Insel in Malaysia einen Roman als Ghostwriterin geschrieben.

Apropos schreiben – das ist auch eine Leidenschaft von mir. Während meiner Weltreise habe ich gebloggt und gerade arbeite ich an einer Veröffentlichung eines Leitfadens, in dem es um eine diversitätssensible Öffentlichkeitsarbeit bei Schulaustauschprogrammen geht.

 

 

Copyright: Lisa Wolff

 

 

Katharina: Warum liegt dir das Thema Promotion und Frauen so sehr am Herzen?

Marlies: Die Promotion war nicht gerade die leichteste Zeit in meinem Leben. Eine der besten Entscheidungen war es, an einem Mentoring-Programm für Frauen teilzunehmen. Neben der Mentoring-Beziehung war für mich der Austausch mit den anderen Mentees unglaublich bereichernd. Es war das erste Mal, dass ich an einem Programm nur für Frauen teilgenommen habe. Der geschützte Raum, den wir in den Workshops hatten, war wirklich toll. Wir haben alle sehr offen über unsere Probleme beim Promovieren gesprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht.

Noch ein Grund, warum ich mich meinem Podcast und meinem Coaching an Frauen richte:

 

Die Uni ist immer noch ein sehr patriarchalisches System.

 

Das stellt gerade Frauen oft vor Probleme, weil sie sich nicht wohl damit fühlen und das Spiel nicht mitspielen wollen, aber auch keine andere Möglichkeit sehen, wenn sie innerhalb des Systems Karriere machen wollen.

 

Katharina: Du hast selbst promoviert, was waren deine größten Hürden und wie hast du diese gelöst?

Marlies: Meine größten Hürden waren zum einen inhaltlicher Art, weil ich interdisziplinär promoviert habe. Ich hatte mir nicht nur ein neues Themenfeld ausgesucht, sondern auch eine neue Methodik und ich musste mich in neue Theorien einarbeiten. Das war zwar sehr spannend, aber auch sehr arbeitsintensiv und ich würde das nicht unbedingt empfehlen, wenn man mit Freude und zügig promovieren will.

Daneben hatte ich mit den üblichen Verdächtigen zu kämpfen: Prokrastination, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, nie abschalten zu können…

 

Für mich war der Austausch mit anderen Promovendinnen unglaublich wichtig.

 

Ich kann nur jeder Promovendin raten, sich ein Netzwerk aufzubauen aus Gleichgesinnten, aber auch aus Personen, die schon weiter sind.

Außerdem habe ich mich coachen lassen. Leider erst am Ende der Promotionszeit, weil ich vorher gar nicht wusste, dass es so etwas gibt. In einem Workshop an der Uni hatte ich eine Coach kennengelernt und mir sind so einige Lichter aufgefangen, unter anderem, warum die Universität langfristig nicht das richtige System für mich ist. Danach habe ich Einzelcoachings genommen und mich zur Bildungsberaterin an Hochschulen ausbilden lassen.

 

Katharina: Hast du Tipps für Frauen, die vor der Entscheidung stehen, ob eine Promotion in Frage kommt oder nicht? 

Marlies: Erst mal finde ich es gut, wenn man sich Zeit für die Entscheidung nimmt. Mit der Promotion wird man Jahre seines Lebens verbringen und einige nicht zu leichte Zeiten überstehen müssen. Also sollte man sich gut überlegen, ob man das wirklich will.

Formal braucht man zum einen entsprechende Noten und zum anderen eine Person, die bereit ist, einen zu betreuen. Daneben ist für mich die Motivation ausschlaggebend dafür, ob man dabeibleibt oder ob einem nach einer Weile die Puste ausgeht. Eine gute Motivation ist es, ein Thema zu haben, für das man brennt. Oder wenn man im Studium schon viel Spaß am wissenschaftlichen Arbeiten hatte. Aber auch die eigenständige Arbeit an einem Projekt sollte einem liegen.

Was ich nicht empfehlen kann, ist nur zu promovieren, weil man sonst keine Zukunftspläne hat und dann aus Bequemlichkeit an der Uni bleibt, weil man die schon kennt. In meiner allerersten Podcast-Episode gebe ich ganz viele Tipps und Hilfestellungen, um herauszufinden, ob die Promotion das Richtige ist und ob sie in die eigene Lebensplanung passt oder nicht.

 

 

Katharina: Was können Frauen tun, die Promotion/ Familie/Freunde/Hobbies und Arbeit unter einen Hut bringen wollen?

Marlies: Vor allem erst mal anerkennen, dass alle diese Bereiche ihre Berechtigung haben. Während der Promotion dreht sich oft alles nur noch um die Promotion. Ich kann empfehlen, dass man die Zeit, die man sich für sich selbst nimmt bzw. für Hobbies, Freund*innen und Familie, genauso wichtig und ernst nimmt wie die Zeit für die Dissertation. Dazu gehört auch, diese Zeit in seinen Wochenplan aufzunehmen.

 

Ich bin ein großer Fan davon, weniger zu arbeiten, dafür aber konzentrierter und effizienter.

 

Und dann die „gesparte“ Zeit auch wirklich zu nutzen, um sich zu erholen. Also nicht nur durch Instagram zu scrollen, sondern rauszugehen an die frische Luft, sich zu bewegen.

Und weil du auch danach gefragt hast, wie man Familie und Doktorarbeit unter einen Hut bekommt: Oft fällt die Promotion bei Frauen in die Lebensphase, in der sie darüber nachdenken, Kinder zu bekommen. Mit Kind zu promovieren stellt einen natürlich noch mal vor ganz andere Herausforderungen. Ich würde mir vorher gut überlegen, wie mein Leben mit Kind und Diss aussehen würde, ob ich einen Partner habe, der mitzieht, eine Finanzierung und Betreuungsmöglichkeiten.

 

Katharina: Hast du ein Lieblingszitat? Wenn ja, welches?

Marlies: Ja, habe ich: „Soy las ganas de conocer lo que hay después del mar“. Das stammt aus einem Lied und bedeutet so viel wie „Ich bin der Wille zu wissen, was hinter dem Meer liegt“. Für mich ist darin sowohl meine Leidenschaft zu reisen enthalten als auch einer meiner höchsten Werte, nämlich zu lernen und zu wachsen. Und nicht zuletzt meine Liebe fürs Wasser und Meer.

 

 

Copyright: Lisa Wolff

 

 

Katharina: Welche Rolle spielen Mentoren? Wie finden Frauen den richtigen?

Marlies: Ich finde Mentor*innen sehr wichtig. Auf der Suche nach der richtigen Person würde ich mir vorher gut überlegen, was ich von dieser will und wie sie mich weiterbringt. Aber natürlich auch, was ich dieser Person zurückgeben kann. An vielen Unis gibt es Mentorenprogramme. Das ist eine prima Hilfestellung, weil es leichter sein kann über ein Programm anzufragen. Wenn die Anzahl der Treffen vorher klar ist, dann ist es auch leichter für vielbeschäftigte Personen zuzusagen.

Es braucht aber auch nicht immer eine formale Mentoring-Beziehung. Manchmal reicht es, wenn man in einer ganz speziellen Frage mit ein, zwei Personen spricht, die weiter sind als man selbst. Bei mir war das zum Beispiel so, dass ich in der Mitte meiner Promotion darüber nachgedacht hatte, abzubrechen. Ich war mir nicht sicher, ob mich die Promotion beruflich wirklich weiterbringen wird, weil ich schon wusste, dass ich nicht an der Uni bleiben will. Ich habe dann über dieses Thema sowohl mit meinem Doktorvater als auch mit einer promovierten Kollegin ganz offen gesprochen. Und daraufhin die Entscheidung gefällt, weiterzumachen.

 

Katharina: Was ist dein Lieblingsbuch, das dich beruflich oder persönlich weitergebracht hat?

Marlies: Ich lese wirklich viel und es fällt mir schwer, mich auf ein Buch festzulegen. Sehr empfehlen kann ich die Bücher von Brené Brown, da insbesondere „The Gifts of Imperfection: Let Go of Who You Think You’re Supposed to Be and Embrace Who You Are“.

 

 

 

Eine Offenbarung waren für mich außerdem die Bücher von Barbara Sher zu Scanner*innen, z.B. „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast.“

 

 


Katharina: Was würdest du einer jüngeren Marlies mit auf dem Weg geben?

Marlies: Einer jüngeren Marlies würde ich mitgeben, früher ihren eigenen Weg zu gehen, weniger an sich und ihren Fähigkeiten zu zweifeln und in Lebenssituationen, in denen sie nicht glücklich ist, sich ganz ehrlich zu fragen, woran es liegt. Und die Situation dann zu ändern. Und zwar unabhängig davon, was einem die gesellschaftlichen Normen vorgeben. Das ist nicht immer einfach, aber für mich der einzige Weg, ein ehrliches, authentisches Leben zu führen.

 

Katharina: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Marlies: Meine Vision ist es, dass jede Frau im deutschsprachigen Raum mit Freude und Leichtigkeit promoviert. Klar, wird es in jeder Promotion auch mal schwierigere Phasen geben, aber ich möchte, dass sie dann weiß, dass diese vorbeigehen und das richtige Handwerkszeug hat, um gut durch die Krise zu kommen. Konkret will ich neben meinem Podcast und den Einzelcoachings zukünftig auch Onlinekurse für meine Promotionsheldinnen anbieten. Gut vorstellen könnte ich mir auch eine Online-Plattform für promovierende Frauen, um sich zu vernetzen und in einem geschützten Raum auszutauschen.

Ein Traum von mir ist es, Promotionsretreats für Frauen anzubieten: an einem schönen Ort, wo frau sowohl an der eigenen Promotion arbeiten kann als auch mit gesundem Essen versorgt wird und alle gemeinsam Yoga machen.

 

Katharina: Ich danke dir für das schöne Interview.

 

Hier findest du mehr über Marlies Klamt

www.promotionsheldin.de

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